Im Interview – Thomas-Armin Mathes, Art Stylist

Tom|Co.-Gründer Thomas-Armin Mathes zählt im Team zu den Technikprofis. Er reist um die Welt, besucht Friseur-Messen und kreiert atemberaubende Frisuren. Im Interview redet er über Haarfarben und Trends und darüber, warum selbst die verrücktesten Frisurenkollektionen so wichtig für das Handwerk sind.

Thomas-Armin, wenn Du morgens in den Spiegel schaust, hättest Du nicht manchmal Lust, Dir eine neue Haarfarbe zu verpassen?
Eigentlich gar nicht (lacht). Ich bin mit meiner Haarfarbe ganz zufrieden.

Halten sich im Allgemeinen die Männer in Sachen „Haare färben“ eher etwas zurück?
Ja. Traditionell ist das sehr stark ein Frauenthema. Aber bei Männern ist das schon im Kommen. Doch es verläuft eher dezenter. Da geht es darum, Grau-Anteile zu kaschieren. Es gibt aber auch Männer, die für den Blond-Bereich offen sind. Wie das Bild eines Surfers mit längeren Haaren, der auf seinem Surfbrett steht und von der Sonne ausgeblichene Haare hat. Das sind beispielsweise Ideale für männliche Kunden, die jedoch von Natürlichkeit geprägt sind.

Farben wie Blau oder Grün kommen bei den Männern also noch nicht so an?
Es gibt eine kleine Gruppe, die vielleicht im Modebereich arbeitet. Da finden sich durchaus Männer, die sichtbar bunte Haarfarben haben. Aber dieser Anteil ist sehr gering.



Welche Haarfarben sind in der Damenwelt derzeit aktuell?
Bei den extrovertierteren Kundinnen, die etwas Sichtbares für ihre Haare wünschen, sind nach wie vor kühl-pastellige Farben im Trend. Vom gefärbten Grauton ins Violett, Pink oder Blau zum Beispiel. Dieser Trend zum stark Sichtbaren hat sich sehr ausgeweitet.

Image
Image

Woher kommen diese Trends?
Das kann man auf das Sozialverhalten der meisten Menschen zurückführen. Schaut man mal auf die Kanäle der sozialen Medien mit ihren Ideen der Selfies – Instagram oder Facebook –, erkennt man, was sofort sichtbar ist. Es ist ein Bildausschnitt mit einem klassischen Brustbild: Kopf, Schultern, Oberkörper. Und alles, was sich in diesem Bildausschnitt befindet, zieht eine enorme Aufmerksamkeit auf sich. Es wird zu dem Feld der Selbstdarstellung. Und da sind die Haare mittendrin. Sie werden zur Projektionsfläche für Gestaltungen aller Art.

Warum sind dann gerade eher dies kühlen Pastellfarben modern?
Das ist schwer zu sagen. Mädchen an der Grenze zur jungen Frau verharren vielleicht noch ein bisschen in der kindlichen Welt der bunten Pastellfarben, mit lustigen Einhörnern in Regenbogenfarben. Daraus hat sich das möglicherweise transformiert. Denn nicht nur Kleidermode überträgt sich auf die Haare.

Seit Jahren schon präsentiert Tom|Co. Frisurenkollektionen mit teils abgefahrenen Frisuren, die eigentlich kein Mensch vor dem heimischen Spiegel hinbekommt. Was ist der Sinn dahinter?
Da gibt es eine deutliche Parallele zur Kleidermode, in der Stücke kreiert werden, an denen man letztendlich zeigen kann, was alles machbar ist. Das hat nicht unbedingt Raum im Alltag, sind kaum tragbar. Es steht aber das Experiment im Vordergrund. Damit kann man zeigen, was man technisch alles drauf hat. Das ist im Haarbereich ähnlich. Aus diesem Experimentieren erhält man Erkenntnisse darüber, wie man etwas umsetzten kann, das im Alltag auch funktioniert. Denn die Ansprüche der Frauen an den Alltag haben sich in den letzten Jahrzehnten enorm geändert. Heute steht die Frau auf, bringt unter Umständen die Kinder in die Schule, geht arbeiten, geht in den Sport, geht abends essen. Da bleibt wenig Raum, um die Haare mit viel Aufwand noch richtig toll zu machen. Das heißt, die Frisuren müssen im Alltag funktionieren – auch unter dem Wandfön im Schwimmbad.

Gibt es schon Anzeichen, wohin sich die Frisuren in der nächsten Zeit entwickeln?
Man kann mittlerweile nicht mehr sagen, ob der Trend eher in Richtung kurz oder lang geht. Durch den Anspruch auf Alltagstauglichkeit bleibt das jedoch auch völlig unerheblich. Die Frisur muss heute einfach zum Träger passen. Und somit wird der Wille zum Ausprobieren immer deutlicher.

"Ich möchte nicht nur Trends setzen, sondern Inhalte auf Dauer verändern."
Thomas-Armin Mathes


Sind also die Frauen in letzter Zeit wieder mutiger geworden?
Ja. Es gab in der Vergangenheit den Trend zu langen Haaren, der eine gewisse Sicherheit und Weiblichkeit repräsentiert. Ich merke sehr deutlich, dass über die bunten Farben auch der Hang zum Experiment stärker wird. Es gibt langsam wieder viele Frauen, die Lust auf kurze Haare haben.

Rätst Du selbst Deinen Kundinnen auch zu mehr Mut? Wie reagieren sie darauf?
Klar. Und sie reagieren meist sehr positiv darauf. Gerade durch die Nähe zwischen Kundin und Friseur kann man fragen: Wie fühlst Du Dich? Wie möchtest Du gerne sein? Oftmals ist dann die ideale Vorstellung von einem selbst sehr überraschend. Aber auch sehr schön. Und das kann dann zu drastischen Veränderungen führen.

Und wie werden sich Deiner Meinung nach die Farben in nächster Zeit verändern? Gibt es da schon Entwicklungen weg von den Pastelltönen und den kühleren Farben?
Die Pastelltöne bleiben schon noch. Aber ich denke, dass sich das längerfristig bestimmt verändern wird. Doch eines ist dabei sicher: Sie werden ausdrucksstark bleiben.

Und bei den Männern?
Da sehe ich nach wie vor den Hang zur Natürlichkeit, zur natürlich wirkenden Haarfarbe. Es wird sich langsam durchsetzen, dass der Mann Farbe macht. Ob das irgendwann mal zu lustigeren, auffälligeren Farben führt, sei dahingestellt. In der Kleidung tut sich da allerdings schon etwas, wie etwa in Form von knallig-bunten Socken, die zu den blauen und grauen Anzügen getragen werden. Eine Ausdrucksform, die durchaus irgendwann mal nach oben wandern könnte.